Kristallkugel

Wer an das Wahrsagen denkt, der denkt automatisch auch an die berühmte Kristallkugel oder der geheimnisvollen Wahrsager-Frau auf der Kirmes, die in die Kristallkugel blickt für das Orakelsehen. Dieses Bild einer exotischen dunkelhaarigen Schönheit, die in verdunkelter Umgebung fasziniert in die Tiefen ihrer Kristallkugel blickt, um dem Ratsuchenden sein Schicksal und seine Zukunft zu deuten, ist tief in unser Bewusstsein und unseren Vorstellungshorizont eingeprägt. Verantwortlich dafür sind eine Flut von Bildern und Legenden aus der Zeit der deutschen Romantik, die gerade das Motiv der „Zigeuner-Hexe“ (Zitat Sergius Golowin) mit ihrer Kristallkugel feierten, weil der Exotismus dieses fremdländischen Motivs wohl von der bürgerlichen Enge dieser ansonsten eher fantasiearmen Zeit ablenkte. Bis heute gibt es vereinzelt auf Volksfesten einen bunten Wagen, in dem – meist verkleidete, sonst recht bürgerliche Mitteleuropäerinnen – ihre Künste als „Zigeuner-Wahrsagerin“ mit hellseherischen Fähigkeiten anbieten. Die Kristallkugel gehört hierbei immer zu ihrem Standard-Repertoire zum Hellsehen. Allerdings arbeiten auch viele moderne esoterische Lebensberater wieder mit der uralten Technik der Kristallkugel, um die Zukunft ihrer Klienten bildlich zu erfassen. Wie funktioniert aber eigentlich das Wahrsagen mit der Kristallkugel?
Die landläufige Meinung ist die, dass in der Tiefe dieser optischen Kugel – die im Übrigen meist aus Glas ist und nicht aus Kristall – irgendwelche Bilder zu sehen seien, die wie ein Kaleidoskop oder ein Film eine Ereignisfolge in der nahen Zukunft abzeichnen. Tatsächlich soll es schon vorgekommen sein, dass eine Hellseherin in der Kugel konkrete Ereignisse oder die Gesichter von Personen gesehen hat, die später tatsächlich eingetreten oder im Leben des Ratsuchenden erschienen sind, doch nach Ansicht von Experten sei das eher die Ausnahme. Meist gibt es in der Kugel selbst „nichts zu sehen“, sondern die Kugel dient lediglich als Konzentrationshilfe und als ein stofflicher Fokus für die geistige Welt. Mit Hilfe der gesteigerten Konzentration könne das so genannte „dritte Auge“ der Hellseherin, das sich mitten auf der Stirn befinde und für die spirituelle Wahrnehmung und das Erstellen von Prognosen verantwortlich sei, besser und vor allem ungestörter und ohne Ablenkung arbeiten. Die Kristallkugel selbst produziert insofern keine Bilder und stellt auch keine Form von spiritueller Leinwand dar, sondern hilft vielmehr der Hellseherin oder dem Hellseher, durch die gezielte Besinnung auf das Innere eigene innere Bilder zu empfangen. Es sei also falsch, glauben Psychologen, in der Kristallkugel ein Gerät zur Fernwahrnehmung zu sehen – vielmehr sei es ein Instrument zur Konzentrationssteigerung durch die Technik der so genannten Außenreizverarmung, also des Ausblendens störender Einflüsse bei gleichzeitiger Fokussierung auf ein Objekt. Wie auch immer, die uralte Faszination des Hellsehens und Wahrsagens aus der Kristallkugel bleibt auch mit den modernen wissenschaftlichen Erklärungsversuchen ungebrochen…


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